03. November 2016

NRW-Dialogforum 2016: Transformation - Beschleunigung - Gestaltbarkeit

Mit der Jahrestagung 2016 hat das Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW) den Grundstein für eine neue Tradition in Nordrhein-Westfalen gelegt. Im November 2016 fand die dreitägige Konferenz erstmalig als Format "NRW-Dialogforum" statt und zwar im Mercure Hotel Düsseldorf-Kaarst. Im Rahmen von fünf vorgelagerten Tracks diskutierten mehr als 100 Nachwuchskräfte und etablierte Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Politik zu Themen rund um das Motto „Transformation – Beschleunigung – Gestaltbarkeit“. Das Ziel war es in kleinen transdisziplinären Gruppen einen gemeinsamen Diskussionszusammenhang zu ermöglichen und einen persönlichen Austausch zu garantieren. Mit innovativen Formaten bildeten die Tracks einen entsprechend interaktiven und partizipativen Einstieg in die Konferenz, die Präsentationen aus den Tracks sind Teil dieser Online-Dokumentation.

Das Programm bot jedoch auch klassische Formate, die alle mittels Video dokumentiert sind. Zuerst erfolgte eine Begrüßung durch Prof. Till van Treeck mit einigen Worten zum Konzept des NRW-Dialogforums und sowie durch den  Abteilungsleiter im Wissenschaftsministerium Dirk Meyer der die großen Transformationen unserer Zeit in einen gesellschaftspolitischen Kontext setzte. Zu hören waren Keynotes von Prof. Gesine Schwan, Prof. Sabine Pfeiffer und Prof. Dirk Messner und es gab Diskussionsformate mit dem Ziel, der inhaltlichen Auseinandersetzung sowie der Interaktion zwischen Podium und Publikum. Eine Podiumsdiskussion zwischen Dr. Heike Hanhörster, Superintendentin Marion Greve und Minister Rainer Schmelzer trug ebenso zu diesem Ziel bei, wie ein Zwiegespräch zwischen Prof. Uwe Schneidewind und Prof. Andreas Freytag. Die Teilnehmerzahlen stiegen dementsprechend auf über 200 Personen an.

 

 

Tracks

Im Rahmen der Tracks soll die Wissenschafts-Community mit motivierten Personen aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft zusammentreffen. Die Tracks richten sich gezielt an Nachwuchskräfte, welche an einem strukturierten Austausch über die Akteursgruppen hinweg interessiert sind. In mehreren Sessions innerhalb dieser Tracks findet der inhaltliche Austausch mittels verschiedener Formate wie Kamingesprächen, fachlichen Inputs oder Streitgesprächen statt. Im Unterschied zu einer klassischen wissenschaftlichen Konferenz gibt es also keine Panels, die immer neu gewählt werden können, sondern einen Track, den dieselben Personen über drei Sessions hinweg miteinander verbringen. Die Idee dahinter ist einen gemeinsamen Diskussionszuammenhang aller Teilnehmenden zu ermöglichen. Beim NRW-Dialogforum 2016 standen fünf Tracks zur Auswahl, die Zusammensetzung der Tracks und die erfolgten Präsentationen sind hier dokumentiert.

1. Digitale Transformation

Gesellschaftliche Entwicklung hängt heute mehr denn je von der Gestaltung neuer technologischer Möglichkeiten durch Digitalisierung ab. Gleichzeitig geht es in der digitalen Transformation nicht nur um die technokratische Gestaltbarkeit von Wirtschafts- bzw. Arbeitssystemen oder Lebensbereichen: Technologischer Fortschritt ist weder alternativlos noch vorbestimmt sondern immer auch Ergebnis von Aushandlungsprozessen und Machtinteressen einflussreicher Akteure. Um dabei der Durchsetzung von Partikularinteressen vorzubeugen, bedarf es der Partizipation möglichst vieler gesellschaftlicher Gruppen. Eine breite, integrierende Debatte ermöglicht, Gefahren gesellschaftlicher Ungleichheit aber auch Chancen für deren Abbau durch digitale Transformation zu erkennen.

Leitung: Dr. Helge Döring (FGW), Valentina Kerst (Co-Gründerin der Initiative Internetstadt Köln, Co-Vorsitzende des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt, Geschäftsführerin einer strategischen Internetberatung)

Track-Programm

Session I (Donnerstag 3. November, 18.00-20.00)
Die erste Session befasste sich mit der digitalen Arbeitswelt von heute und morgen. Gemeinsam mit Gabi Schilling (IG Metall NRW), Jens Wagener (itemis AG) und Prof. Dr. Leonhard Dobusch (Universität Innsbruck) diskutierten wir, inwiefern das Thema Digitalisierung der Arbeit bereits angekommen ist. Diskutiert wurden unter anderem die Rolle der Menschen im Digitalisierungsprozess, die Notwendigkeit einer Digitalisierungspolitik sowie das Thema der Verteilungskonflikte, die sich in diesem Zusammenhang ergeben können.

Session II (Freitag 4. November, 9.00-10.30)
Die zweite Session hatte den Schwerpunkt auf zwei Themen gelegt, die im öffentlichen Diskurs immer wieder in Zusammenhang gebracht werden mit dem Thema Digitalisierung – Smart Cities und Big Data. Dr. Fritz Rettberg (Technische Universität Dortmund) stellte uns zunächst das Konzept der Smart Cities vor (Dokumentation).
Anschließend stellte Prof. Dr. Christoph Engels (Fachhochschule Dortmund) die sich mit Big Data ergebenden neuen Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen der Datenanalyse vor. Einen Schwerpunkt des Vortrags bildete das Zusammenspiel von Big Data mit den Predictive Analytics.

Session III (Freitag 4. November, 11.00-12.30)
Die dritte Session eröffnete den Teilnehmenden schließlich die Möglichkeit in kleinen Gruppen in einen Austausch zu treten. Eine Gruppe widmete sich dabei schwerpunktmäßig dem Thema Big Data und hatte Gelegenheit mit Prof. Dr. Engels in einen Austausch zu treten und die durch den Vortrag aufgeworfenen Fragen zu diskutieren. Eine zweite Gruppe nutzte die Gelegenheit, um sich nochmals eingehender mit dem Thema Digitalisierung der Arbeitswelt zu befassen.

 

 

2. Europäische Transformation

Die Europäische Union wird auf Grund der schwachen Position des EU-Parlaments oftmals als unzureichend demokratisch legitimiert beschrieben – echte Gewaltenteilung sei auf Grund der Doppelrolle des Rates als Exekutive und Legislative nicht gegeben. Hinzu kommt, dass der Rat spätestens seit Ausbruch der Eurokrise 2010 über Verträge wie den Fiskalpakt oder informelle Gremien wie Eurogruppe oder Troika weitere Instrumente schuf, die keiner demokratischen Kontrolle unterstehen. Besonders delikat ist in diesem Zusammenhang, dass die hoch umstrittene Austeritätspolitik von diesen Gremien zur Durchsetzung gebracht wurde. Die institutionelle Undurchsichtigkeit der EU wird als einer der Gründe für die grassierende Europaskepsis, für Desintegrationstendenzen wie den Brexit und für den Aufstieg des Rechtspopulismus bezeichnet. Das europäische Parlament - die einzige genuin demokratische Institut der EU - gilt wiederrum als Hort des Lobbyismus. Der Track „Demokratiepolitische Transformation der Europäischen Union“ wird sich mit den vorgebrachten Kritikpunkten auseinandersetzen und mögliche Lösungsansätze diskutieren.

Leitung: Dr. Nikolaus Kowall (FGW), Assistenz Professor Dr. Clemens Kaupa (VU University Amsterdam)

Track-Programm

Session I (Donnerstag 3. November, 18.00-20.00)
Wie handlungsfähig ist die europäische Demokratie im Angesicht des grassierenden Lobbyismus im Europäischen Parlament?

Session II (Freitag 4. November, 9.00-10.30)
Welche demokratischen Defizite weist die institutionelle Landschaft der Europäischen Union auf und welche politischen Spannungen ergeben sich daraus?

  • Prof. Dr. Andreas Fisahn, Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Umwelt- und Technikrecht, Rechtstheorie der Universität Bielefeld, Dokumentation

Session III (Freitag 4. November, 11.00-12.30)
Welche Perspektiven ergeben sich für die Europäische Demokratie in Anbetracht aktueller Desintegrationstendenzen?

  • Prof. Dr. Gesine Schwan, Humbold-Viadrina Governance Platform
  • Sven Giegold, Abgeordneter zum Europäischen Parlament für die Grüne/EFA Fraktion

 

 

3. Integration und Transformation

Soziale und ökonomische Ungleichheiten, gewaltsame Konflikte oder auch durch den Klimawandel bedingte Veränderungen der Lebensräume verursachen globale Wanderungs- und Fluchtbewegungen. Auch Deutschland ist Ziel dieser Bewegungen und steht damit vor der Herausforderung, die Zugewanderten in die bestehende Gesellschaft zur integrieren.
Der Prozess der Integration findet unter anderem über das Erlernen der Sprache, das Beziehen einer Wohnung, den Aufbau sozialer Beziehungen zur alteingesessenen Bevölkerung und letztendlich auch den Eintritt in den Arbeitsmarkt statt. Unklar bleibt dabei, wann eine Person als „integriert“ gilt und ob diese Maßstäbe gleichermaßen auf alteingesessene Bevölkerungsgruppen angewandt werden (sollte). Denn die Merkmale, an denen der Grad der Integration bestimmt wird, sind auch in dieser Bevölkerungsgruppe äußerst unterschiedlich ausgeprägt. Darin spiegelt sich wider, dass weder „Menschen mit Migrationshintergrund“ noch die alteingesessene Bevölkerung sozial und ethnisch homogene Gruppen sind. Diese unterscheiden sich z. B. nach Einkommen, Bildung, Herkunft, Ethnie und Religion und weisen dementsprechend differenzierte Werte und Lebensstile auf. Wie sich dieses Verständnis auf praktisches, politisches und wissenschaftliches Handeln und Denken auswirkt und welchen Beitrag ein Wissensaustausch zwischen diesen gesellschaftlichen Gruppen leistet, war Gegenstand dieses Tracks.

Leitung: Jan Üblacker, Wissenschaftlicher Referent für „Integrierende Stadtentwicklung“ (FGW), Sebastian Kurtenbach (Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefel)

Track-Programm

Dokumentation

Session I (Donnerstag 3. November, 18.00-20.00) World Café „Aspekte der Integration“
Welche Bedeutung hat Integration in den einzelnen Teilbereichen? Im World Café werden vier Aspekte der Integration an Themen-Tischen diskutiert. Expert_innen sammeln dabei Anregungen, Herausforderungen und auch Fragen zu folgenden Aspekten:

  • Sprache und Bildung: Christa Müller-Neumann & Nazife Al-Matar, Landesweite Koordinierungsstelle Kommunale Integrationszentren
  • Arbeit: Barbara Hordt, Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung mbH
  • Räumliche Integration und Wohnen: Sebastian Kurtenbach, Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld
  • Soziale Netzwerke: Dr. Jennifer Fietz, TU Dortmund

Session II (Freitag 4. November, 9.00-10.30) „Integrationspolitik in NRW“
Vortrag zur Integrationspolitik in NRW mit anschließendem Gespräch mit den Teilnehmer_innen, um die in Session I festgehaltenen Anregungen, Herausforderungen und Fragen zu diskutieren.

  • Anton Rütten, Abteilungsleiter „Integration“ des Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales NRW

Session III (Freitag 4. November, 11.00-12.30) Perspektiven einer Integrationsgesellschaft?
Welche Bedeutung haben vergangene Debatten um Integration und Migration? Wie stellt sich die derzeitige Situation dar und welche Perspektiven ergeben sich daraus für zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen

  • Podiumsdiskussion mit Tülin Kabis-Staubach (Planerladen e. V.), Dr. David H. Gehne (ZEFIR/Ruhr-Universität Bochum) und Jochen Köhnke (Dezernent für Migration und Interkulturelle Angelegenheiten der Stadt Münster).

 

 

4. Sozial-ökologische Transformation

Das gesellschaftliche Bewusstsein für die sozialen und ökologischen Grenzen fortlaufenden globalen Wirtschaftswachstums ist in der jüngeren Vergangenheit immer größer geworden. Dennoch befinden sich die reichen Volkswirtschaften ebenso wie Schwellen- und Entwicklungsländer auf der eifrigen Suche nach neuen Wachstumspfaden. Der mit den Finanz- und Wirtschaftskrisen der vergangenen Jahre verbundene Wachstumsrückgang könnte nach Einschätzung einiger Wirtschaftswissenschaftler_innen in eine langanhaltende Stagnationsphase („säkulare Stagnation“) übergehen. Die Forderungen nach einer sozial-ökologischen Transformation unseres Wirtschaftens scheinen dabei mehr oder weniger unvereinbar den Hoffnungen auf Entkopplung und „grünes Wachstum“ gegenüberzustehen. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich der Track unter anderem mit der Frage nach der Notwendigkeit einer grundlegend anderen Wirtschaftsweise (und der damit verbundenen Wirtschaftswissenschaft), mit den gesellschaftlichen Bedingungen einer „großen Transformation“, aber auch mit der konkreten Umsetzung von wirtschaftlichem Wandel in Städten als wichtigen „Reallaboren“.

Leitung: Janina Urban, Wissenschaftliche Referentin für „Neues ökonomisches Denken“ (FGW), Hans Haake ( Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie)

Track-Programm

Dokumentation

Session I (Donnerstag, 18:00 –20:00 Uhr)

  • 18:00 –18:15 Begrüßung durch Janina Urban und Hans Haake: Was versteht man unter sozial-ökologischer Transformation?
  • 18:15-18:25 Vorstellungsrunde, persönliche Motivation und Hintergrund: Was sind die Treiber und Hindernisse für eine SÖT in deinem Bereich?
  • 18:25 –18:55 Rainer Land: Ein ökonomisches Konzept für den Green New Deal
  • 18:55 –19:00 Rückfragen aus dem Publikum
  • 19:00 –19:45 Fokusgruppen
  • 19:45 –20:00 Vorstellung der Ergebnisse

Session II (Freitag, 9:00 –10:30 Uhr)

  • 9:00 –9:10 Wrap-Upzum Vortag und Einleitung der folgenden Diskussion
  • 9:10 –9:40 Christine Bauhardt: Wege aus der Krise? Green New Deal, Postwachstumsgesellschaft, Solidarische Ökonomie: Alternativen zur Wachstumsökonomie aus feministischer Sicht
  • 9:40 –9:55 Kommentierung Kai Lindemann
  • 9:55 –10:30 Fishbowl Diskussion

Session III (Freitag, 11:00-12:30 Uhr)

  • 11:00-11:20 : Einführung Städte als Ort der Transformation
  • 11:20 –12:30: Fishbowl Gespräch mit Michael Schem, Transition Town Bielefeld

 

 

5. Transformation von Arbeit und Beschäftigung

Die Arbeitswelt, so hört und liest man überall, wird sich in den kommenden ein bis zwei Jahrzehnten fundamental verändern. Zusätzlich zu den altbekannten „Mega-Trends“ (Globalisierung, demografischer Wandel, Wandel von Geschlechterrollen und Wertvorstellungen) werden in jüngster Zeit insbesondere die potenziellen Konsequenzen beschleunigter Digitalisierung („Industrie 4.0“) und zunehmender internationaler Migrationsprozesse diskutiert. Unter Schlagworten wie „Arbeit der Zukunft“ und „Arbeiten 4.0“ arbeiten zurzeit mehrere hochrangige Expertenkommissionen auf Bundes- und Landesebene an Leitlinien und Vorschlägen für eine zukunftsfähige Gestaltung von Arbeit.

Im Rahmen des Tracks „Transformation von Arbeit und Beschäftigung“ wollen wir uns nicht nur einen Überblick über die wichtigsten konkreten Veränderungstendenzen am deutschen Arbeitsmarkt verschaffen, sondern auch die aktuellen Arbeiten und Analysen der Expertenkommissionen kritisch unter die Lupe nehmen. Zudem wollen wir darüber diskutieren, welche Rolle die Wissenschaft bei der Gestaltung der sozialen Bedingungen und Spielregeln der künftigen Arbeitsgesellschaft überhaupt spielen kann und spielen sollte.

Leitung: Dr. Antonio Brettschneider, Wissenschaftlicher Referent für „Vorbeugende Sozialpolitik“ (FGW), Christina Schildmann (Leiterin des wissenschaftlichen Sekretariats der Kommission "Arbeit der Zukunft", Hans-Böckler-Stiftung)

Track-Programm

Session I (Donnerstag 3. November, 18.00-20.00)
Transformation der Arbeit: Ausgewählte Entwicklungstendenzen

  • Prof. Sabine Pfeiffer, Lehrstuhl für Soziologie, Universität Hohenheim

Session II (Freitag 4. November, 9.00-10.30)
Berichte aus aktuellen Kommissionsarbeiten

  • Dr. Katrin Cholotta, BMAS: Der BMAS-Dialog "Arbeiten 4.0", Dokumentation
  • Christina Schildmann, HBS: Die HBS-Expertenkommission „Arbeit der Zukunft“, Dokumentation
  • Prof. Dr. Ute Klammer, IAQ/Uni Duisburg-Essen: Die Kommission für den zweiten Gleichstellungsbericht, Dokumentation

Session III (Freitag 4. November, 11.00-12.30)
Perspektiven aus der betrieblichen Praxis

  • Gabi Schilling, IG Metall NRW: Das Projekt "Arbeit 2020 in NRW", Dokumentation
  • Marc Schlette, Head of HR Strategy, Projects and Labour Relations, ThyssenKrupp: Digitalisierung, Vertrauen und Unternehmenskultur, Dokumentation

 

 

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Hier finden Sie das Programmheft.