23. November 2017

NRW-Dialogforum 2017 - Gesellschaftliche Weiterentwicklung in Zeiten der Partikularisierung

Das NRW-Dialogforum 2017 stand unter dem Motto „Gesellschaftliche Weiterentwicklung in Zeiten der Partikularisierung“ und fand vom 23. bis 24. November im Hotel Lindner in Düsseldorf statt.

Die Tagung bestand auch in diesem Jahr wieder aus Plenarveranstaltungen, Panels der Themenbereiche des FGW sowie mehreren Tracks, die aktuelle Querschnittsthemen behandeln und durch die intensive Arbeit in kleineren Gruppen einen effektiven Austausch liefern.

Um unsere Track-Formate noch attraktiver zu gestalten, wurden die Trackleitungen in 2017 erstmalig ausgeschrieben. Interessierte konnten sich bis zum 31. März 2017 für die Leitung der Tracks bewerben und dabei eigene Themen vorschlagen (Call für Trackleitungen). Aufgrund der außerordentlich hohen Qualität der Einreichungen, haben wir uns daraufhin entschieden, sechs Tracks anzubieten. Neu war in 2017 auch, dass sich Teilnehmende mit eigenen Beiträgen für die Tracks anmelden konnten (Call für Beiträge). Damit bestanden die Tracks aus Personen, die einen Input vortragen sowie aus Teilnehmenden, die zuhören und mitdiskutieren. Die einzelnen Sessions innerhalb der Tracks verbrachten die jeweils 15 bis 25 Teilnehmenden durchgängig gemeinsam.

Tracks:

1. Soziale Sicherung in individualisierten Gesellschaften

Soziale Sicherung in Deutschland dient vor allem der Absicherung großer Lebensrisiken – Arbeitslosigkeit, Krankheit, „Alter“, Pflegebedürftigkeit – unter bestimmten gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Ändern sich diese Rahmenbedingungen, müssen die sozialen Sicherungssysteme angepasst werden, um weiterhin ihre Sicherungsfunktion erfüllen zu können. Aktuell finden mehrere parallele Entwicklungen statt, die die sozialen Sicherungssysteme vor bedeutende Herausforderungen stellen: Der flexibilisierte und deregulierte Arbeitsmarkt muss die Folgen von Digitalisierung und Tertiärisierung bewältigen. In Kombination mit dem demografischen Wandel führt dies u.a. zu veränderten Qualifizierungsanforderungen, weshalb der Aus- und Weiterbildung als Bestandteil präventiver Sozialpolitik eine gestiegene Bedeutung zukommt. In Zeiten zunehmend individualisierter und perforierter Lebensverläufe kommt es zudem sowohl im Bereich der Erwerbsarbeit als auch bei der Sorgearbeit zu einer Verdichtung, Überlappung und Wiederholung von biografischen Übergängen, so dass sich individuelle Risiken erhöhen. Die sozialen Sicherungssysteme müssen auf diese komplexen Veränderungsprozesse reagieren, woraus sich u.a. folgende Fragestellungen ergeben:
- Wie soll soziale Sicherung organisiert und finanziert werden?
- Welche Gruppen sind die relevanten Solidargemeinschaften?
- Was ist das zukünftige Sicherungsniveau?
- Wie können präventive Elemente gestärkt werden?
- Wie könnte eine sozialraumorientierte Sozialpolitik ausgestaltet werden?
Trackleitung:
Prof. Dr. Werner Sesselmeier (Uni Koblenz-Landau), Prof. Dr. Aysel Yollu-Tok (Hochschule München)

2. Partizipation, Inklusion und Interessenausgleich in nordrhein-westfälischen Stadtgesellschaften

Viele Regionen und Städte in NRW waren in den letzten Jahrzehnten von einem tiefgreifenden Strukturwandel betroffen. Obwohl der wirtschaftliche Wandel vielerorts erfolgreich war, konnten nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen profitieren. Hohe Arbeitslosigkeit, mangelnde Integration zugewanderter Gruppen sowie Erwerbs- und Bildungsarmut führen zu einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Trotz großer Herausforderungen (Segregationstendenzen, sozialräumliche Problemlagen etc.) hat der Sparkurs der letzten Jahre kommunale Steuerungsfähigkeit reduziert.? Eine Lösung dieser Probleme kann nur über ein deutliches Mehr an Integration, Partizipation und Interessenausgleich auf kommunaler Ebene gelingen. Um diese universalistischen Werte in einer Stadtgesellschaft wieder zu stärken, muss auf allen Politikebenen das strategische Ziel „Ungleiches ungleich behandeln“ verfolgt werden. Folgende Fragestellungen können im Track bearbeitet werden:
- Wie kann man bestehende Ressourcen hierzu optimaler einsetzen (Überwindung des „Silo-Denkens“)?
- Wie lässt sich bei knappen Ressourcen die Präventionsmaxime besser durchsetzen („Nah dran ist früh dran“)?
- Wie lassen sich knappe Ressourcen durch Monitoring und Evaluation effektiver einsetzen („Statistik als strategische Ressource“)?
- Wie können mehr Partizipation und Bürgerbeteiligung hierbei helfen?

Ziel dieses Tracks soll es sein, in einem „kollaborativen Verfahren“ zu einer möglichst konkreten Handlungsmaxime zu kommen.
Trackleitung: Martin Hennicke

Aus dem Track entstand ein FGW-Impuls zum Thema.

 

3. Die Zukunft solidarischer Arbeitsgesellschaften

Das Ende von Großorganisationen zur Vertretung von Arbeitnehmerrechten gilt als eingeläutet. Mit zunehmender Partikularisierung fordert die Postmoderne ihren Tribut. In der Arbeitswelt bedeutet dies: nur flexible, kreative und begabte Arbeitnehmer setzen sich auf dem Arbeitsmarkt durch, die Solidargemeinschaft löst sich auf. Der Arbeitnehmer muss eigene Wege finden, Rechte einzufordern. Betriebe beherbergen längst unterschiedliche Arbeitnehmergruppen, die sich nicht beruflich, sondern durch ihre Betriebszugehörigkeit und den Sozialversicherungsstatus unterscheiden. Betriebspolitisch geht dies mit einer Erosion demokratischer Instrumente und Institutionen betrieblicher Mitbestimmung einher. Verbändepolitisch zeigt sich Partikularisierung in einem fortschreitenden Trend schrumpfender Industriegewerkschaften bei gleichzeitigem Aufschwung von streikbereiten Spartenvertretungen auf hohen Qualifizierungsebenen. Die kollektive Gestaltung von Arbeitswelten nach solidarischen Prinzipien aller Arbeitnehmer eines Unternehmens wird nicht mehr mitgedacht. Der Track sucht nach Forschung und Analysen zu diesen betrieblichen, gesellschaftlichen und politischen Trends sowie innovativen Lösungen, um einer fortschreitenden Partikularisierung entgegenzuwirken und das Leitbild einer „solidarischen Arbeitsgesellschaft“ zu entwickeln. Gefragt sind Beiträge aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachrichtungen sowie aus der politischen, verbandlichen und gewerkschaftlichen Praxis.
Trackleitung: Dr. Katharina Oerder (MIT Institut Bonn), Dr. Ursula Bitzegeio (Friedrich-Ebert-Stiftung)
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4. Politische Partikularisierung und Rechtspopulismus

Gehen Demokratie und fixe gesellschaftliche Ordnungen in den 1950er und 1960er Jahren noch Hand in Hand, lösen sich gesellschaftliche Milieu- und Gruppenzugehörigkeiten seit den 1970ern zunehmend auf; Sehnsuchtsorte wie die Nation, die Religion, das Geschlecht oder die Klasse verlieren an integrierender Kraft – mit gravierenden Folgen für die Identität ganzer Gruppen, aber auch für die Identität des Einzelnen. Der ökonomische Wandel mit seiner Ausdifferenzierung von Lebensrealitäten und die Globalisierung, in der sich nationale Traditionen auflösen sind die Motoren dieser Entwicklung. Der Rechtspopulismus bedient den Wunsch nach Eindeutigkeit und Zugehörigkeit, indem er einfache Antworten gibt und klare Grenzen zieht: zwischen „Deutschen“ und „Ausländern“, „Christen“ und „Muslimen“, „Männern und Frauen“, kurz: dem „Wir“ und dem „Anderen“. Wie kann Demokratie in Zeiten sozioökonomischer Polarisierung und gesellschaftlicher Heterogenität integrierend wirken und dennoch auf die Herausforderung eines homogenisierenden Populismus reagieren? Der Track „Politische Partikularisierung und Rechtspopulismus“ sucht Antworten auf die vielfältigen Fragen einer Demokratie mit offenen Grenzen.
Trackleitung: Dr. Isabelle-Christine Panreck (Universität Münster)

Die Track-Dokumentation finden Sie hier.

 

5. Postwachstum und Bildung des Gemeinsamen

Die paradigmenübergreifende Wachstumsdoktrin hat in den letzten Jahrzehnten eine ressourcenintensive, wirtschaftliche Globalisierung mit befördert, während die aktuelle soziale und wirtschaftliche Ordnung zunehmend zu einer Fragmentierung der Gesellschaft und einer Ökonomisierung individueller Lebenswelten beiträgt. Zugleich entwickelt sich im Rahmen der Postwachstumsdiskussion eine Gegenbewegung heraus, die das Wachstumsparadigma aus Gru?nden sozio-o?kologischer Nachhaltigkeit oder der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus in Frage stellt. Auf der Basis dieser Kritik werden alternative Konzepte entwickelt: z.B. solidarische O?konomie, Aufbau und Kultivierung von Gemeingu?tern. Bildung, betrachtet als Aneignung einer gemeinsamen Welt, stellt in diesem Kontext ein solches Gemeingut dar, das eine wesentliche Funktion in der Vermittlung des Individuellen mit dem Allgemeinen hat. Als Ausgangspunkt dafür dienen drei gegenwärtige Versuche. Der erste betrifft den rechtlichen Umgang mit Commons und setzt eine Veränderung des Verständnisses von Institutionen voraus, das über die Alternative Markt oder Staat hinausweist. Der zweite bezieht sich auf Analysen, die Globalisierung als Bedingung für eine gegenwärtige Wahrnehmung der Welt als gemeinsamen, geteilten und interdependenten Raum verstehen. Der dritte schließlich richtet sich an Praktiken (z.B. Open Data, Politik bei uns), die Wissen und Bildung als Gemeingut zur Verfügung stellen. Erwu?nscht sind Beitra?ge, die sich mit Konzepten und Praktiken von Wissensformen fu?r eine Postwachstumsgesellschaft befassen.
Trackleitung: Prof. Dr. Maria Behrens (Universität Wuppertal), Prof. Dr. Rita Casale (Universität Wuppertal)

Die Track-Dokumentation finden Sie hier.

 

6. Rückeroberung des politischen Raums als Ort gesellschaftlicher Integration

Der Track geht von der hier primär von Karl Polanyi und Dani Rodrik angeregten Überlegung aus, dass das Projekt des sogenannten Neoliberalismus in den letzten drei Jahrzehnten zu einem stetigen Schrumpfen des politischen Raums geführt hat – von der Makro- bis auf die Mikroebene sozialen Miteinanders. Der politische Raum aber ist der Raum sozialer Integration schlechthin. Heute erleben wir eine Rückkehr des Politischen. Sie manifestiert sich bisher vor allem als ein populistisch-nationalistischer Anti-Liberalismus. Eine zentrale Herausforderung politischer Steuerung ist es heute, dem populistischen Integrationsangebot bessere und gleichzeitig politisch attraktive Alternativen entgegenzustellen. Die Fragestellung des Tracks lautet entsprechend: Wie kann der politische Raum als Ort gesellschaftlicher Integration in einer Zeit zurückerobert werden, die auch weiterhin sehr stark durch ökonomische Sachzwänge und Leistungsdruck geprägt ist? Vor allem auch: Wie kann dies konkret und auf der Mikro-Ebene, in den Kommunen, in Schulen, Universitäten und Unternehmen, sowie in den Basisstrukturen von Verbänden, Parteien und religiösen Gemeinschaften gelingen?
Trackleitung: Prof. Dr. Joachim Zweynert (Universität Witten/Herdecke)

Die Trackdokumentation finden Sie hier.

 

Die Videos der Veranstaltung finden Sie auf unserem Youtube-Kanal.

Das Programm (pdf) finden Sie hier.